Hypnobirthing in der Presse

Hypnobirthing Die Wiedergeburt der natürlichen Geburt: „Hypnotherapie“ macht das Kinderkriegen leichter

Die Wiedergeburt der natürlichen Geburt: „Hypnotherapie“ macht das Kinderkriegen leichter


Hamburg (dpa/fwt) - „In freudiger Erwartung" oder „voll guter Hoffnung" lauten die etwas angestaubten Umschreibungen für Frauen in der Schwangerschaft. Beim Gedanken an die bevorstehende Geburt verfallen aber einige Frauen eher in schlichte Panik denn in entspannte Hochstimmung. Die Angst vor dem, was vor ihnen liegt, vor den Schmerzen der Geburt und möglichen Komplikationen können die Schwangerschaft - auch bei noch so großer Freude auf den Nachwuchs - deutlich vermiesen.

Hypnose in der Geburtsvorbereitung könnte diesen Frauen helfen, der Geburt entspannter entgegenzusehen und sie leichter zu bewältigen, zeigt eine neue Untersuchung, die die Coesfelder Diplom-Psychologin Helga Hüsken-Janßen gemeinsam mit der Universität Tübingen und dem Westfälischen Institut für Hypnose und Hypnotherapie an acht deutschen Kliniken durchgeführt hat. Knapp 200 Frauen nahmen an der Studie teil, in der die Wirksamkeit der „hypnoreflexogenen Geburtsvorbereitung“ untersucht wurde.

Schneller, leichter, schöner
Das Ergebnis: Bei Frauen, die sich mit Hilfe der Hypnose auf die Geburt vorbereitet hatten, verkürzte sich die Dauer der Geburt, sie benötigten weniger Schmerzmittel und erlebten die Geburt insgesamt positiver als die Kontrollgruppe. Von dem Verfahren, das bereits in den 1970er Jahren in Amerika entwickelt wurde, scheinen besonders Erstgebärende zu profitieren. Bei diesen Frauen traten die positiven Effekte am deutlichsten zutage.

Kernpunkt der hypnoreflexogenen Geburtsvorbereitung sind therapeutische Einzel- oder Gruppensitzungen, an der die Schwangeren im letzten Drittel der Schwangerschaft teilnehmen. Unter Hypnose werden die einzelnen Phasen der Geburt während dieser Sitzungen durchgespielt. „Die Frauen machen quasi einen Probelauf in Trance“, sagt Helga Hüsken-Janßen. Dieses Training mache die Frauen sicherer.

Teufelskreis durchbrechen
Zusätzlich würden negativ belegte Begriffe, die im Zusammenhang mit der Geburt auftauchen, ausgetauscht. „Den Begriff `Wehe´ zum Beispiel verbinden die meisten mit `weh tun´“, sagt die Diplom-Psychologin. Bei den Hypnotherapeuten heißen die Wehen Kontraktionen. „In der Trance erfahren die Frauen dann, dass Kontraktionen nicht notwendigerweise schmerzen müssen.“ Der Kreislauf aus Angst, die zur Anspannung und dann zu verstärkten Schmerzen führe, könne so durchbrochen werden. Die Geburt selber finde bei vollem Bewusstsein statt. Die Frauen könnten zwar die Selbsthypnosetechniken anwenden, die sie zuvor gelernt haben, um die Schmerzen zu mildern. Zwingend sei das jedoch nicht.

Bei allen hypnotherapeutisch vorbereiteten Frauen nahm die Dauer der Eröffnungsphase der Geburt ab. Bei den Erstgebärenden betrug sie sogar ganze zwei Stunden weniger als bei der Kontrollgruppe. „Dass der Effekt so prägnant ist, hätte ich selbst nicht für möglich gehalten“, sagt Hüsken-Janßen, die auch Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Hypnose ist. Ebenfalls statistisch deutlich unterschied sich die Schmerzempfindung der Gebärenden: Während rund 80 Prozent der Kontrollgruppe angaben, „fürchterlich starke“ Schmerzen gehabt zu haben, waren es bei den hypnotisch vorbereiteten Frauen weniger als 50 Prozent.

Sie benötigten folglich auch weniger Schmerzmittel. 45 Prozent verzich-teten ganz auf schmerzlindernde Mittel, bei der Kontrollgruppe waren es nur rund 32 Prozent. Bei den frisch gebackenen Müttern kommt das, logischerweise, gut an: Etwa 80 Prozent sagten, sie würden die Geburt mit hypnotherapeutischer Vorbereitung noch einmal machen. 13 Prozent dieser Mütter konnten noch am Tag der Geburt die Klinik verlassen, drei Mal mehr als in der Kontrollgruppe.

Stalin ließ Schwangere hypnotisieren
Der Ursprung der Hypnose in der Geburtsvorbereitung liegt scheinbar in Russland. Im Fachblatt „American Journal of Clinical Hypnosis“ (Bd. 24,
S. 149) zeichne der Amerikaner William Werner die Entwicklung der Methode nach, berichtet Hüsken-Janßen. Demnach habe der Arzt Platonow die Hypnose in den 1920er Jahren dort regelmäßig bei Schwangeren angewandt. Als Stalin von den Erfolgen hörte, soll er dann ein landesweites Programm gestartet haben, in dem er alle schwangeren russischen Frauen auf ihre Empfänglichkeit für die Hypnose testete.

Nachdem sich die Methode zunächst über Frankreich, Lateinamerika und schließlich Amerika verbreitete, geriet sie schließlich in Vergessenheit. Hauptsächlich die Verfügbarkeit schmerzstillender Medikamente verdrängte dieses Verfahren der „natürlichen Geburt“. „Heute nimmt das Interesse der Frauen daran wieder zu“, sagt Hüsken-Janßen. Damit scheint auch das „Hokus-Pokus“-Image, das der Hypnose lange Zeit anhaftete, allmählich zu verblassen. „In Deutschland erleben wir derzeit eine Renaissance hypnotherapeutischer Verfahren“, sagt auch Hanne Seemann von der Abteilung für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Heidelberg. Die Akzeptanz des Verfahrens habe in der wissenschaftlichen Gemeinschaft rasant zugenommen.

Schmerzpatienten brauchen weniger Medikamente
Außer in der Psychotherapie wird die Hypnose in erster Line in der Schmerztherapie angewandt. Kürzlich zeigten Göttinger Wissenschaftler, dass sich bei chronischen Schmerzpatienten die Einnahme von Schmerzmedikamenten mit Hilfe der Hypnose drastisch reduzieren lässt. Sie unterwiesen ihre Patienten in Selbsthypnose. Auch noch drei Monate nach Abschluss der Behandlung benötigten die Schmerzpatienten 60 bis 75 Prozent weniger schmerzstillende Medikamente. Das seien bedeutende Werte, insbesondere angesichts der rund sieben Millionen Menschen, die in Deutschland unter chronischen Schmerzen leiden, sagt der Studienleiter Stefan Jacobs vom Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie der Universität Göttingen.

Auch in der Zahnmedizin ist die Hypnose mittlerweile recht verbreitet, zahlreiche Praxen bieten sie besonders solchen Patienten an, die unter panischer Zahnarztangst leiden. Hypnose kann also bei einer Reihe medizinischer Fragestellungen angewandt werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass in der Trance die Anspannung von Muskeln nachlässt, Herzfrequenz und Blutdruck, sowie der Gehalt an Stresshormonen sinkt. Der Körper wird so in einen tiefen Entspannungszustand versetzt, in dem Schmerzen aus dem Bewusstsein verbannt werden können.

Derzeit übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die hypnotherapeutische Geburtsvorbereitung nicht. Die Wissenschaftler um Helga Hüsken-Janßen planen, zunächst verstärkt Gynäkologen mit der hypnoreflexogenen Geburtsvorbereitung vertraut zu machen. Anschließend sollen dann auch Hebammen darin ausgebildet werden. Die könnten von dem Verfahren auf ganz eigene Weise profitieren: Hebammen, die an der Coesfelder Untersuchung teilgenommen hatten, bezeichneten 88 Prozent der hypnotherapeutisch vorbereiteten Erstgebärenden als „unkompliziert“.

Anja Garms

Quelle: "Gynäkologie und Geburtshilfe", Ausgabe 05/2003
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